Ab Februar zeigen sich im schattigen Gehölz die ersten bunten Farbtupfer. Reinweiss, hellrosa, lila und buttergelb beginnt es vor Hecken und zwischen Sträuchern zu blühen. Von Frost und Schnee lassen sich diese Frühblüher nicht aufhalten, denn sie wissen: Wer zuerst blüht, wird zuerst bestäubt.

Anriss Tulpen und Osterglocken
Ein bunter Blumenteppich aus Tulpen, Narzissen und Sternhyazinthen.

Vorfreude liegt in der Luft: Die langen, grauen Wintermonate neigen sich ihrem Ende zu. Jedes Zipfelchen Grün, das sich aus dem kalten Gartenboden heraustastet, erscheint uns wie ein kleines Wunder. Kaum schmilzt der Schnee, sind die ersten floralen Frühlingsboten zur Stelle. Im Pflanzenreich haben sich einige Kandidaten darauf spezialisiert, als Erste in den Startlöchern für die neue Saison zu stehen. Ihr Anblick weckt bei uns Menschen Frühlingsgefühle, doch die ersten Stars der Frühsaison tun das nicht nur, um uns zu erfreuen. Ihr vorrangiges Ziel ist es, die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Zwar gibt es im Mai beträchtlich mehr bestäubende Insekten als jetzt, doch dann ist auch die blühende Konkurrenz sehr viel grösser.

Im Team am stärksten

Helleborus Orientalis
Perfekte Schönheit: die Lenzrose

Der Reigen der frühen Blüher beginnt mit der wunderschönen Christrose (Helleborus). Streng genommen ist sie ein Winterblüher, denn oft schmücken ihre reinweissen oder violett-roten Blüten bereits ab Dezember Gärten und Balkone. Sie ist eine solch imposante Erscheinung, dass sie sogar in Einzelstellung eine gute Figur macht – ganz im Gegensatz zum Winterling (Eranthis hyemalis), der seinen buttergelben Charme am schönsten in gebündelter Gruppenstärke ausspielt. Damit steht er nicht alleine da. Die meisten unserer frühen Blühpflanzen erreichen eine Höhe von 10, vielleicht 20 cm und verlieren sich in der Einzelstellung rasch. Ein einzelnes Schneeglöckchen ist hübsch. Eine ganze Wiese von Schneeglöckchen ist hingegen grandios. Die Gattung Galanthus umfasst etwa 20 Arten in Hunderten von Sorten. Mit ihren kleinen, weissen und teils duftenden Blüten begrüssen sie ab Februar die Frühjahrssonne. Schneeglöckchen lassen sich einfach vermehren, indem man nach der Blüte die Brut- von den Mutterzwiebeln trennt und separat einpflanzt. Gleiches Vorgehen ist auch bei anderen Zwiebelpflanzen möglich, etwa beim Märzenbecher (Leucojum vernum) oder bei den Blaustern-Arten (Scilla).

Crocus
Die zarten Krokusse sind hart im Nehmen.

Meditative Stille

Wer den Zauber des blühenden Gehölzsaums jedes Jahr ein wenig intensiver erleben möchte, darf die tapferen Frühblüher nicht stören. Nur wenn an ihrem Standort weder gehackt noch gejätet wird, können die Pflanzen verwildern. Sie lieben die meditative Stille. Über die Jahre erobern sie geeignete Gehölz- und Beetbereiche durch Selbstaussaat oder unterstützt durch Ameisen, die ihre Samen verbreiten. Dabei zeigen sie sich ausserordentlich beharrlich. Kissenprimeln (Primula vulgaris) machen in ihrem Entdeckergeist auch vor vermoosten Rasenflächen nicht Halt. Buschwindröschen (Anemone nemorosa), Lungenkraut (Pulmonaria) und Lerchensporn (Corydalis) haben sich bestens an den Wurzeldruck der flachwurzelnden Laubgehölze angepasst. In Kombination mit der Wald-Schlüsselblume (Primula elatior) und dem Leberblümchen (Hepatica nobilis) verwandeln sie triste Gehölzsäume über die Jahre in natürlich anmutende Waldbilder.

Ein früher Start

GalanthusDas Motto «Wer zuerst blüht, wird zuerst bestäubt» birgt jedoch auch Gefahren. Zarte Blütenstände können durch Frost beschädigt, erste Blättchen unter Schneewehen begraben werden. Die Kunst besteht darin, nicht so früh zu blühen, dass man Schaden erleidet, aber früh genug, um sich von der Konkurrenz abzusetzen. Zwiebel-Geophyten wie das Schneeglöckchen oder Knollen-Geophyten wie der Winterling haben naturbedingt die beste Ausgangsposition. Übers Jahr haben sie so viele Energievorräte in ihren Speicherorganen angelegt, dass sie als Erste von den wärmeren Sonnenstrahlen profitieren können. Deshalb der Name «Geophyt»: Diese Erdpflanzen können ungünstige Lebensbedingungen mithilfe ihrer unterirdischen Organe überdauern. Viele dieser frühen Blüher haben sich auf einen Gartenbereich spezialisiert, der im Sommer eher farblos ist: den Gehölzsaum. Im Schutz von Sträuchern und Bäumen, unter einer wärmenden Decke aus verrottenden Blättern, kosten sie den noch laublosen Zustand der Gehölze geschickt aus. Wenn die Sträucher aus ihrem Winterschlaf erwachen, sind die oberirdischen Teile der Frühblüher bereits gelb und trocken geworden. Auch dies zeugt von ihrer Anpassung an den «Lebensraum Gehölzsaum», denn wenn sich das Laubdach zu schliessen beginnt, sollte der Unterwuchs seinen Wuchs eingestellt haben. Auch dafür, dass sich keine anderen Pflanzen den Sommer über zwischen den Sträuchern breitmachen, sorgen Frühblüher: Beim Verrotten geben viele ihrer Blätter spezielle Hemmstoffe ab, die anderen Pflanzen das Keimen erschweren.

Durchstarter unter den Frühblühern sind die Schneeglöckchen, die es schattig mögen.

Giftige Gesellen

Da, wo die Zwiebeln die Nährstoffe über längere Zeit speichern, ist der Hunger der Frassfeinde besonders gross. Es ist somit kein Wunder, dass die Zwiebeln vieler früh blühenden Gartenpflanzen, insbesondere Maiglöckchen, Winterling, Tulpe und Schneeglöckchen, extrem giftig sind – auch für den Menschen. Durch diese Massnahme schützen sich die Pflanzen davor, von hungrigen Nagerzähnen angeknabbert zu werden. Doch die frühen Blüher kennen noch mehr Tricks, um ihren Fortbestand zu sichern. In den Speicherorganen des Schneeglöckchens beispielsweise sind Salze eingelagert, die es vor besonders tiefen Temperaturen schützen. Und die Christrose ist die Meisterin der Täuschung: Ihre Blüte wird nicht von Blütenblättern (Petalen) gebildet, sondern von vergrösserten Kelchblättern (Sepalen). Diese fallen bis zur Samenreife nicht ab, sondern verfärben sich meist, was ihren Zierwert noch weiter erhöht. Auch die anmutigen Christrosen können sich versamen, wenn ihnen der Standort zusagt. Gemeinsam mit den anderen Frühblühern bescheren sie uns Jahr für Jahr ein freudiges Frühlingserwachen und lassen uns Schnee und Frost vergessen. Jetzt kehrt das Leben endgültig in den Garten zurück.

Beitrag: Judith Supper

Schlüsselblume
Schlüsselblumen lieben feuchte Waldböden und Wiesen.

SCHWEIZER GARTEN – im Grünen daheim

Mit seiner Themenvielfalt rund um den Bio,- Gemüse-, Obst- und Ziergarten spricht der SCHWEIZER GARTEN Leute mit grünem Daumen an. Dabei legen wir unsere Aufmerksamkeit auf typische Themen für die Schweiz. Garten- und Balkongestaltung, das Wohnen mit Zimmerpflanzen sowie Reiseporträts zu den schönsten Gärten der Welt runden das meistgelesene Gartenmagazin der Schweiz ab. Als Abonnent profitieren Sie zudem von Vorteilen wie:

  • kostenloses eMagazine
  • kostenloser Newsletter
  • Ratgeber im Internet (Leserfragen werden von Experten beantwortet)
  • Archivzugriff
  • spezielle Leserangebote
  • Vergünstigung beim Eintritt an die «Giardina», die beliebte Schweizer Gartenmesse

Schweizer Garten im Abo

 

 

Möchten Sie regelmässig den SCHWEIZER GARTEN lesen, empfehlen wir Ihnen das Schweizer Garten-Magazin zu abonnieren. Hier: SCHWEIZER GARTEN Magazin abonnieren.

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.