Der Weg zur Quelle führt gegen den Strom. Wer in unserem Land nach solchen Wegen sucht, wird reich belohnt. Eine schöne Möglichkeit, um solche Quellen
zu erkunden, ist der Vier-Quellen-Weg, der als mehrtägiges Trekking um den Gotthard führt. Er zeigt, wie wichtig Wasser für unser Leben ist.
Toni Kaiser Text und Bilder

Im Französischen Jura

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Natur Kunst

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lauter Aare

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Quelle entgegen

 

 

 

 

 

 

 

 

Solche Tage müsste man klonen können. Der Himmel strahlt in seinem schönsten Blau, die Sicht ist klar, die Temperatur moderat, die Ambiance entspannt – ein herrlicher Wandertag steht uns bevor. Sumpfiges Gelände dominiert die Tour, die uns zuerst auf den Pazolastock führt. Wir steigen entgegen dem Routenbeschrieb zuerst auf einen Gipfel, der den Blick freigibt auf die Urner Alpen mit ihren gezackten Graten, auf das sattgrüne Hochtal von Andermatt und hinunter in die bündnerische Surselva. Der Abstieg führt uns zum ersten Hauptdarsteller unseres Fünftägers, zu den Quellen der Flüsse Rhein, Reuss, Ticino und Rhone. Dem Rhein nähern wir uns also von oben, dies darum, weil sein Ursprung eigentlich aus vielen kleinen Quellen besteht, die den Flanken von Badus, Piz Tuma und Rossbodenstock entspringen. Sie alle sammeln sich im stillen Tomasee. Auch so kann man sich also einer Quelle nähern: nicht dem Wasserfluss entgegen gehend, sondern von oben.

LINKS Blick in die Rhonequelle:
Hier, am Rhonegletscher auf der
Furka, endet der Vier-Quellen-Weg
rund um den Gotthard.

Wasser verbindet

Der in einer Mulde eingebettete und von sattgrünen Matten mit weissem Wollgras, Wiesenschaumkraut, Enzian, Alpenrosen, Margriten und wildem Blockgestein geschmückte Lai da Tuma auf 2344 m ü. M. gilt als eigentliche Rheinquelle (obwohl es eigentlich längere Quellflüsse gibt). Der See, der zum Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung zählt und dessen klares Wasser Trinkqualität aufweist, geizt nicht mit Schönheit(en): Einladende Picknickplätzchen, Bade- und Fischfanggelegenheiten finden sich zuhauf, Kraxelmöglichkeiten für Kinder und Fotosujets sowieso. Auch deshalb ist er ein viel besuchtes Ausflugsziel: Von der Oberalp-Passhöhe erreicht man ihn auf direktem Weg in eineinhalb Stunden. Von hier sind es bis zur Rheinmündung in die Nordsee bei Rotterdam 1233 Kilometer. Das 12 000 Jahre alte Gewässer, in dessen Einzugsgebiet gut 50 Millionen Einwohner leben, gehört damit zu den mächtigsten Strömen Europas.

Wir befinden uns hier mitten im Wasserschloss, das für den Wasserhaushalt Europas von grosser Bedeutung ist: Von hier stammen (noch) gut sieben Prozent der europäischen Süsswasserreserven. Wegen seiner strategischen und früher nur schwer zugänglichen Lage im Herzen der Alpen verfügte der Gotthard, dessen Name auf den Schutzpatron der Händler, den heiligen Godehardus zurückgeht, immer über einen magischen Nimbus; keine andere Schweizer Region kann sich diesbezüglich mit ihm messen.

Mit dem Bau des Basistunnels drohte die Gotthardregion (wieder einmal) ins touristische Abseits zu geraten. Deshalb haben die Tourismus-organisationen der vier betroffenen Regionen Uri, Surselva, Obergoms und Bellinzona e Valli unter dem Namen «San Gottardo 2020» ein kantonsübergreifendes Projekt initiiert, um dem befürchteten Aderlass Paroli zu bieten. Eines der Ergebnisse ist eben dieser Vier-Quellen-Weg, entstanden unter der Initiative des Seedorfer Wanderleiters Paul Dubacher, der als Fachmann in Sachen Wanderwege schon an der Realisierung des vielgerühmten «Wegs der Schweiz» am Vierwaldstättersee und am «Bahnwanderweg» im Gotthardgebiet massgeblich beteiligt war. Schon seit dem Jahr 2000 ging Dubacher mit der Vision schwanger, am 5. August 2012 war es dann soweit: Der gut 85 Kilometer lange Vier-Quellen-Weg, der in einer zusammenhängenden Schlaufe die Quellgebiete von Rhein, Reuss, Ticino und Rhone verbindet, wurde eingeweiht. Damit haben Wanderer die Möglichkeit, sich auf einem einzigartigen hochalpinen Rundweg im Herzen Europas von der zentralen Bedeutung des Lebenselixiers Wasser für Menschen, Tiere, Pflanzen und die Wirtschaft zu überzeugen.

 

Der bei Ausflüglern höchst beliebte Tomasee am Oberalppass gilt als Quelle des Vorderrheins. Mit einem Schritt kann man hier den Rhein noch überschreiten.
Der bei Ausflüglern höchst beliebte Tomasee am Oberalppass gilt als Quelle des Vorderrheins. Mit einem Schritt kann man hier den Rhein noch überschreiten.

Dynamische Lebensräume

Bevor sich die zahlreichen Bächlein im Tomasee vereinen, durchfliessen sie eine kleine grüne Ebene. Weiter unten im Talgrund bei Sedrun bildet der noch junge Rhein bereits das erste Mal eine Aue. Auen seien Landschaften, die uns Menschen besonders gut gefallen, weil sie all unsere Sinne erreichen würden, erklärt Philipp Schuppli, Umweltingenieur bei Pro Natura Aargau. In Auen hören, riechen und sehen wir das Leben und fühlen die Energie dieser Landschaften. Es ist kein Zufall, dass sich viele Menschen in Auen begeben, um sich zu erholen, um diese aus unterschiedlichsten Landschaftselementen zusammengesetzte Natur in sich aufzunehmen. Auen sind als gut ausbalancierte, aber auch dynamische Ökosysteme in der Schweiz laut Bundesinventar der Auengebiete von nationaler Bedeutung seit 1992 geschützt. Dieses verpflichtet die Kantone, die Dynamik der Auen zu erhalten bzw. wiederherzustellen, die Nutzungen im Einklang mit den Schutzzielen zu regeln sowie Pflanzen und Tiere zu erhalten und zu fördern. Ein Schutz, der dringend nötig ist, denn unsere ehemals ausgedehnten Auenlandschaften sind verschwunden. Mit der systematischen Korrektur unserer Bäche und Flüsse wurden im 19. Jahrhundert rund 90 Prozent dieser Lebensräume zerstört. Heute sind noch 2,2 Prozent der gesamten Schweizer Landesfläche geschützte Auenlandschaften. Diese gehören, sowohl  im Gebirge als auch im Flachland, zu den interessantesten, weil produktivsten und vielfältigsten Ökosystemen des Landes – rund 84 Prozent der heimischen Arten können in Auen vorkommen. Auen sind Lebensraummosaike entlang von Gewässern. Steigt der Wasserpegel, werden Auen geflutet, sinkt das Wasser, können in sandigen und kiesigen Böden rasch sehr trockene Verhältnisse entstehen. Diese natürlichen Schwankungen in Auen fordern entweder eine ungeheure Anpassungsfähigkeit ihrer Bewohner oder aber die Fähigkeit, auch unter widrigen Verhältnissen bestehen und sich fortpflanzen zu können.

Typische Beispiele für anpassungsfähige Auen-bewohner sind Biber, Eisvogel und Silberweide. Der Biber kann den Wasserpegel durch den Bau von Dämmen aktiv beeinflussen. Der blau schillernde Eisvogel brütet in erdigen Steilwänden unserer Flüsse. Bei Verlust der Brut durch ansteigenden Wasserpegel reagiert er sofort mit erneutem Brüten, damit in einem Jahr trotz Verlusten genug Nachwuchs grossgezogen werden kann. Die Silberweide ist robust gegen Verletzungen durch Treibholz und gerade in
jungen Jahren sehr elastisch, damit sie bei Hochwasser nicht umgeknickt wird. Sie wächst rasch und kann sich über Tausende flug- und schwimmfähige sowie rasch keimende Samen schnell vermehren. Als echte Auenpflanze macht es der Silberweide auch nichts aus, wenn ihre Wurzeln monatelang im Wasser stehen (siehe Kasten).

 

Verschiedene Quellformen

Doch zurück zur Rheinquelle am Tomasee. Dass die vielen Bächlein oberhalb des Sees überhaupt zutage treten können, dafür ist normalerweise eine nur schwach wasserdurchlässige Schicht, also eine eigentliche Sperrschicht im Boden verantwortlich. Dies kann zum Beispiel Fels oder eine Lehmschicht sein, die verhindern, dass das Wasser weiter versickern kann. Das ist der eine Grund, dass eine Quelle entstehen kann. Die Quellen der (Gotthard-)Reuss in einem kleinen Bergsee am Passo di Lucendro und des Ticino am Nufenenpass zuhinterst im Bedrettotal sind Beispiele dafür.

Eine weitere Möglichkeit sind Karstquellen. Aus Löchern und Höhlen im ausgewaschenen Kalkgestein fliesst zuvor versickertes Regenwasser, das sich unter Tag gesammelt hat, wieder ans Tageslicht. Häufig sind solche Quellen in Kalkgebirgen wie dem Jura – so die Areuse bei St-Sulpice und die Orbe bei Vallorbe –, aber auch in den Alpen wie am Hohgant oder im Alpstein.

Und die dritte Möglichkeit, wo Wasser zutage treten kann, sind Gletscher. Normalerweise entspringen Gletscherbäche am Ende der Gletscher, im Talgrund im sogenannten Gletschertor. Solche Bäche aus geschmolzenem Eis weisen oft eine charakteristisch milchig grauweisse Farbe auf und werden deshalb gerne etwas poetisch als Gletschermilch bezeichnet. Beim Rhonegletscher am Furkapass, der den Abschluss unserer Vier-Quellen-Wanderung bildet, ist das der Fall. Die weisse Farbe kommt von daher, dass aus dem Gletscherinnern viel Steinabrieb und Geschiebe mitgeführt werden, die durch die Reibung von Eis und Gestein auf Fels  unter den Eismassen entstehen. Dieses Geschiebe ist hauptsächlich dafür verantwortlich, dass sich Flüsse Durchgänge durch Felswände herausschleifen können. «So sind während der Überlagerung durch Eis und in den Nacheiszeiten grosse Schluchten wie die Aare-, die Rosenlaui- oder die Areuse-Schlucht entstanden», erläutert Philipp Schuppli. Wissenschaftler haben berechnet, dass beispielsweise der Hochrhein vor dem Bau der Wasserkraftwerke bis zu 60 000 m3 Geschiebe pro Jahr transportierte und umlagerte. Bei verbauten Flüssen ist das viel weniger, im Hochrhein noch wenige hundert Kubikmeter pro Jahr, sodass ein solcher Schleifeffekt gar nicht mehr möglich ist.

So ist nun auch klar, dass eine Wanderung wie auf dem Vier-Quellen-Weg all jenen ganz viel Anschauungsunterricht bietet, die sich für solche Themen interessieren. Dass dabei das Geniessen zu kurz kommen könnte, ist allerdings kaum eine Gefahr: Zu schön sind die verschiedenen vom Wasser geformten Landschaften, die man dabei durchwandert.

Facts and Figures

Erstaunliches Miteinander

 

Biber und Silberweide haben sich über die letzten Jahrtausende in unseren Auen entwickelt und dabei einen er-staunlichen Umgang miteinander gelernt. Der Biber braucht die Silber-weide als Futterpflanze. So fällt er in den kalten Monaten ganze Bäume, um an die Borke und das Kambium, die zell-teilende Schicht, zu gelangen. Der angenagte Baum setzt sich gegen die Nagerei zur Wehr, indem er über die Wurzeln andere Weiden vor dem Biber warnt, worauf diese Bitterstoffe in ihre Rinde einlagern. Das mag der Biber gar

 

 

nicht.

Biber erstaunliches MIteinander

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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