Vor gut 450 Jahren stapft ein Elefant durch Europa: Soliman ist selbst für einen Prinzen ein aussergewöhnliches Hochzeitsgeschenk – und versetzt den halben Kontinent in Staunen!

Text: Meike Kirsch

Eine dicke SensationWürde heute ein ausgewachsener Brachiosaurus über die Autobahn trampeln, eines der grössten Tiere der Erdgeschichte: Kamerateams würden jedem seiner schweren Schritte folgen, Hubschrauber ständig über ihm kreisen. Der nie gesehene Dinosaurier – ein einmaliges, ein unvorstellbares Spektakel, von dem ihr noch euren Enkeln erzählen würdet!

Und jetzt kommt’s: So etwas Ähnliches ist tatsächlich passiert. Vor gut 450 Jahren, daher natürlich ohne Hubschrauber und Kameras, die noch nicht erfunden waren. Und es ist auch kein Dino – aber ein Wesen, das den Menschen im Europa jener Zeit mindestens ebenso fremdartig erscheinen muss: Soliman, ein Indischer Elefantenbulle. Drei Meter hoch, vier Tonnen schwer, Ohren gross wie Pfannkuchen. Dazu – man stelle sich das nur vor! – eine mehr als armdicke Schlange als Nase, mit der das Riesenvieh ganze Heuballen ins Maul schiebt.

Manch einer bekreuzigt sich vor Schreck, andere fangen zu lachen an: zu lustig, dieses lange Ding im Elefantengesicht! In jedem Ort zwischen Spanien und Österreich, wo das Rüsseltier ab Sommer 1551 auftaucht, entsteht binnen Minuten ein Menschenauflauf. Noch der älteste Greis eines Dorfes schlurft heran, Kinder, Mütter mit ihren Babys. Selbst Priester und Bischöfe stehen mit offenem Mund da. Die Menschen jener Zeit leben mit Pferden, Schafen, Hühnern. Ochsen sind ihr Massstab für tierische Kraft und Grösse. Doch neben dem massigen Fleischberg, der bei jedem Schritt den Boden erzittern lässt, schrumpft ihre Welt: Die engen Gassen der Städte sind oft schmaler, als Solimans Rücken breit ist. Der Elefant? Größer als manche Hütte. Sobald Soliman auftaucht, haben die Menschen nur noch Augen für ihn.

Dass ein künftiger Kaiser, Prinz Maximilian von Habsburg , mit seiner angetrauten spanischen Prinzessin Maria den grauen Riesen begleitet? Dass Musiker aufspielen und sich eine endlose Reihe von Karren, Kutschen und Karossen mit Wächtern und edlen Herrschaften der Karawane anschliesst? Nebensache! Alle jubeln nur dem Elefanten zu, dem sicher erstaunlichsten Hochzeitsgeschenk des Prinzenpaares.

Mit Soliman ist nämlich eine neue Zeit angebrochen. Ab jetzt beginnen Elefanten eine Rolle in der Spitzenpolitik zu spielen: Wer in Europa ein Rüsseltier sein Eigen nennen kann, gilt als politisches Schwergewicht. Kaiser, Päpste, Fürsten werden beschenkt. Absender sind, wie in Solimans Fall, oft Portugals Könige. Sie haben die meisten Dickhäuter in petto, weil zu ihrem Reich Teile Indiens und die Insel Ceylon gehören – Heimat vieler Elefanten.

Von Spanien nach Italien kürzen Soliman und seine Begleiter den Weg per Schiff ab. Von der Hafenstadt Genua zieht die wunderliche Reisegesellschaft weiter durch Norditalien in Richtung Alpen. Ein Elefant kommt! Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Bald gilt ein Aufguss aus Elefantenhaar als wirksames Mittel gegen Durchfall oder Haarausfall. In Trient wird das Wundertier mit einem Feuerwerk empfangen. Hastig hat man dort ein Holzgestell in Elefantenform zusammengezimmert. Von ihm steigen zur Feier des hohen Besuchs bunte Raketen in den Himmel auf.

Doch bei aller Bewunderung, für Soliman ist das Leben als Staatsgeschenk vor allem eines: unfassbar anstrengend! So geht es für ihn mit zwar dicker, aber doch für deutlich andere Klimazonen gedachter Haut nun mitten im erbarmungslosen Winter über die Alpen. Es ist so kalt, dass sich auf Solimans Rücken eine dicke Eisschicht bildet. Und in der gefürchteten Eisackschlucht in Südtirol rutscht das Riesentier gar im tiefen Schnee aus und schlittert in den Fluss. Seine Begleiter brauchen Stunden, um Soliman wieder hochzuwuchten. Wie gut, dass in Brixen, der nächsten Stadt, ohnehin eine zweiwöchige Pause vorgesehen ist: Es ist Weihnachten, und der Elefant kann endlich wieder ausgiebig fressen und schlafen – und Kräfte sammeln für die nächste Etappe: Am Brenner, dem Alpenpass, der das heutige Italien von Österreich trennt, zittern Solimans Begleiter abermals nicht nur vor Kälte, sondern auch vor Sorge. Immer wieder gehen kleine Lawinen auf den Elefanten nieder. Bisweilen ist die Versorgung ungeklärt, wird das Essen knapp.

So grenzt es an ein Wunder, dass alle am 6. März 1552 nach fast acht Reisemonaten in Wien ankommen und sich ihren Weg durch die Massen johlender Bewohner bahnen können. Soliman, noch einmal aufs Prächtigste herausgeputzt, vornweg – als plötzlich im Gedränge ein Kind direkt vor seine Riesenfüsse fällt. Der Menge stockt der Atem. Doch schon hat der Elefant den kleinen Körper mit seinem Rüssel aus der Gefahrenzone gefischt und den Eltern zurück in die Arme gelegt. Diese und nicht wenige Umstehende brechen in Tränen aus: ein Hoch auf Soliman!

In der Menagerie  des Prinzen Maximilian können die verzückten Wiener Soliman noch anderthalb Jahre bewundern. Am 18. Dezember 1553 aber stirbt der Elefant. Mit nur 13 Jahren. Das traurige und viel zu frühe Ende eines wenig artgerechten Daseins. Prinz Maximilian lebt deutlich länger. Er wird Kaiser Maximilian II. – und Vater von 16 Kindern. Jedes erhält vom portugiesischen König ein anderes seltenes Tier als Geschenk: einen Löwen, eine Giraffe, einen Paradiesvogel, ein Dromedar. Ein Elefant ist nicht mehr dabei.


 

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