Es wird Frühling. Kaum schmilzt an der wärmsten Ecke im Garten der Schnee, sind die ersten floralen Frühlingsboten zur Stelle. Und behaupten ihren Platz, trotz Eisgraupeln, Schneeschauern und Minusgraden. Sie sind hart im Nehmen, sind kleine Wunderwerke der Natur.

Es sind nicht die grossen Stars, die sich beim ersten Hauch von Wärme aus der Erde wagen. Es sind, scheint es an vielen noch winterlichen Tagen, eher ein vorwitziges, lockeres Gesindel, das nicht mehr warten mag. Zum Glück – es beschert uns die ersten zauberhaften Gartenmomente.

Text: Bernadette Reichlin, Bilder: Rachele Z. Cecchini

Botanik oder Poesie

Krokusse
Wo Gartenkrokusse wild anzutreffen sind, könnten früher Gärten gewesen sein. © Rachele Z. Cecchini

Natürlich können dieses Vorpreschen, dieses fast unter dem Schnee Hervorkriechen botanisch erklärt werden: Es sind bodennahe Pflanzen, die ganz schnell profitieren müssen von jedem Sonnenstrahl, der durch die noch blattlosen Bäume und Sträucher den Boden erreicht. Sie müssen sich beeilen mit ihrem Lebenszyklus, denn wenn der Laubaustrieb einsetzt, sollten ihre Blüten befruchtet sein und ihre Speicherorgane im Boden – Knöllchen, Zwiebelchen – bereits auf Hochtouren arbeiten. Denn bald wird die Fotosynthese, der Motor jeder grünen Pflanze, bei ihnen nur noch auf Sparflamme laufen.

Man muss indes kein Maler oder Dichter sein, um beim noch winterlichen Gartenrundgang während der Schneeschmelze fasziniert zu sein. Die ersten Krokusse sind immer wieder ein Wunder. Anders als die blaugrünen Blatttriebe der Schneeglöckchen oder die spitzen Lanzetten der später erscheinenden Narzissen, lässt sich ihr feines Laub fast nicht von Grashalmen unterscheiden. Plötzlich aber sind sie da, leuchten wie kleine Edelsteine und bescheren uns den ersten Farbrausch des Frühlings.

Blau, weiss, gelb und violett leuchten sie neben den letzten Schneeflecken – nur rote Krokusse gibt es bis heute keine. Diese Farbe ist im Frühling den Tulpen vorbehalten. Wenn die Sonne scheint, zeichnen sich beim Elfenkrokus (Crocus tommasinianus), dem frühesten seiner Art, auf den fast durchscheinenden Blütenblättern die Blattadern ab und man fragt sich, weshalb die Natur wohl ein so immens zartes Gebilde quasi als Vorhut in den anbrechenden Frühling entlässt.

Integrierter Frostschutz

Wer Krokusse im Garten hat, weiss aber bald, dass diese zarten Pflänzchen hart im Nehmen sind. Nach jedem neuen Schneefall öffnen sie schnell wieder ihre nachts und bei grosser Kälte fest zusammengepressten Blütenkelche. In den Laubblättern schützt der noch nicht in Stärke verwandelte Zucker die Pflanze vor dem Erfrieren. Denn Zucker wirkt als Frostschutzmittel, das den Gefrierpunkt in den Zellen senkt. Ohne diesen biochemischen Schutz würden die Zellwände durch gefrierendes Wasser regelrecht zerfetzt – wer schon mal Begonien oder andere Sommerblüher mit Frostschäden gesehen hat, kennt diesen Prozess.

Glöckchen im weissen Kleid

Die wärmere Jahreszeit kaum erwarten kann auch der Märzenbecher (Leucojum vernum), der heute, vielleicht der Klimaerwärmung geschuldet, in vielen Jahren besser Februarbecher heissen

Märzbecher
Märzenbecher produzieren eine Art Frostschutz.
© Rachele Z. Cecchini

müsste. Im Gegensatz zu seiner Verwandten, dem Schneeglöckchen (Galanthus), dessen Wurzelextrakte vorsichtig dosiert in Heilmittel verwendet werden, ist der Märzenbecher, auch Frühlingsknotenblume oder Grosses Schneeglöckchen genannt, stark giftig. Beide Narzissengewächse sind aus den Frühlingsgärten nicht wegzudenken, auch wenn die weissen Glöckchen erst seit gut 100 Jahren flächendeckend eingebürgert sind. Sie sollen, so steht es in einem alten Botaniklehrmittel, ebenfalls eine Art Frostschutz produzieren können, der den Schnee um ihre Laubblätter schmelzen lässt. Wer in seinem Garten jeweils die kleinen Schneeglöckchengruppen auf einem aperen Fleck mitten zwischen Schneeresten entdeckt, glaubt dieser Frostschutztheorie sofort.

Wer sich im Garten eine optische Mariage von weissen Märzenbechern, Schneeglöckchen und Krokus erträumt, wird enttäuscht werden. Denn die Narzissengewächse bevorzugen als ehemalige Waldpflanzen feuchte, schattige Standorte und einen lehmigen Boden, während der Krokus als ursprünglicher Bewohner von Berghängen sich auf sandreichem Lehm am wohlsten fühlt. Staunässe allerdings lässt alle Frühlingsblüher leicht faulen. Vor allem in der Ruhephase, die ja den ganzen Sommer bis zum nächsten Spätwinter dauert, sollte der Boden abtrocknen können. Wer beim Pflanzen den Zwiebelchen und Knöllchen eine rechte Handvoll Sand als Unterlage mitgibt, schafft damit eine kleine Drainage, trockene Füsschen sozusagen. Dafür brauchen die kleinen Frühlingsboten keine Düngergaben, das Nährstoffangebot aus der Erde und vom Falllaub der Sträucher genügt ihnen vollkommen.

Blaue Blütenträume

Leberblümchen
Noch bevor seine Laubblätter erscheinen, entfalten sich die blauen Blüten.
© Rachele Z. Cecchini.

Ohne Knollen und Zwiebelchen kommt das Leberblümchen (Hepatica nobilis) aus. Der kleine ehemalige Waldbewohner, der seinen Namen der dreilappigen Form seiner Blätter verdankt, liebt auch im Garten einen Standort im Schatten von Bäumen und Sträuchern. Noch bevor seine Laubblätter erscheinen, entfalten sich die blauen Blüten mit ihrem Kranz von weissen Staubgefässen wie blaue Lichtlein. Sie wachsen direkt über drei kelchartigen Hochblättern, die nachts und bei schlechtem Wetter wie kleine Hütchen die zarten Blütenblättchen schützend umschliessen.

Das Leberblümchen gehört zu den Hahnenfussgewächsen und besitzt Wurzeln sowie ein am Boden liegendes Rhizom, wie es zum Beispiel auch das Maiglöckchen oder, essbar, der Ingwer hat. In der Volksmedizin wird das Leberblümchen nach der Signaturlehre bei Leberleiden eingesetzt, wobei zu beachten ist, dass alle Pflanzenteile frisch giftig sind, ihre Heilkraft also nur im getrockneten Zustand gefahrlos entfalten. Während bei uns die kleinen Waldbewohner in den Gärten meist in ihrer einfachen Form wachsen, sind sie in Japan richtige Stars, die in vielen Farben und auch als gefüllte Varianten angeboten werden.

Blaue Unschuld

Eine ganz besondere Freude bereitet immer wieder ein weiterer Frühaufsteher, der Blaustern (Scilla). Es ist eine weitverzweigte Verwandtschaft, die sich da im Garten zusammenfinden kann. Am bekanntesten ist bei uns der Zweiblätterige Blaustern, der, so steht es in den Gartenkatalogen, robust und anspruchslos ist und sich gerne weiter verbreitet. Man kann aber auch ganz andere Erfahrungen machen mit dem Zwiebelgewächs. Jahrelang kann er jeden Frühling unter demselben Strauch hervorleuchten mit seinen himmelblauen Sternenaugen – und eines Frühlings ist er einfach verschwunden. Wie eine romantische Liebe, kommt es einem vor: Eben noch da, strahlend und das Blaue vom Himmel herunter versprechend. Und dann macht er sich einfach still und heimlich davon. Und lässt nichts zurück als einen himmelblauen Traum. Aber Träume, die gehören ja eigentlich zum Frühling. Ist der untreue Blaustern vielleicht einfach ein Synonym für verheissungsvolle Frühlingsliebe?

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