Der Alpchäsmarkt auf dem Flumserberg wartet mit einer speziellen Attraktion auf: Zehn Kühe rennen um die Wette – mit einer Frau als Jockey. Da die Männer beim Kuhrennen ursprünglich nicht mitziehen wollten, dürfen sie nun bloss als Treiber mitlaufen.
Von Yvonne Vogel (Text) und Adrian Baer (bilder)

Um 15 Uhr heisst es auf dem Tannenboden oberhalb Flums SG: Achtung, fertig, muuh! Zehn Kühe stehen am Start, geschmückt mit Glocke und Blumengesteck, auf dem Rücken sitzen die Jockeys – notabene ohne Sattel. Neben den Kühen stehen die Treiber bereit. Kuh Nummer acht stellt sich quer, sie möchte ungern in die gleiche Richtung starten wie alle anderen und verlangt den Treibern alle Überzeugungskünste ab, um auch sie in Laufrichtung zu platzieren. Wie bei einem Leichtathletikrennen wird die Startlinie so angelegt, dass die Tiere auf der Aussenbahn die gleichen Chancen haben wie dienigen auf der Innenbahn. Es gilt zwei Runden zu absolvieren. Zwei spannende Runden, wie der Speaker verspricht: «Noch nie hat eine Kuh, die in der ersten Runde in Führung lag, das Rennen gewinnen können.»

Vor wunderschöner Bergkulisse, aber bei empfindlich kühlem Herbstwetter läutet der Schällnerklub Flumserberg das Wettlaufen ein. Sie schwingen ihre Riesenglocken – und hören dann plötzlich auf. Das ist das Startsignal. Unter anfeuerndem Gebrüll setzen sich die zehn Kühe und ihre Mitläufer in Bewegung. Nach einer halben Runde können sich die ersten Tiere distanzieren – aber alle wissen, es kann noch viel passieren. Aurora findet das Publikum plötzlich viel spannender als das Rundendrehen und bleibt am Rand stehen. Nur durch hartnäckiges Zureden kann Treiber Michael Loop das Tier dazu bewegen, doch noch ins Ziel zu laufen.

Frauen nahmen Zügel in die Hand

Dort sind die Ersten bereits angekommen. Die strahlende Siegerin heisst Alexa Eppinger auf Kuh Tosca. Knapp dahinter passiert Opalma mit Brigitta Kurath auf dem Rücken die Ziellinie. Die Zweitplatzierte ist zugleich eine der ersten Reiterinnen des Flumserberger Kuhrennens. Sie ist nämlich Mitinitiantin des Anlasses. «Es soll lustig sein, wir wollen Spass haben», sagt Kurath. Vor elf Jahren führten die Frauen aus dem Organisationskomitee das erste Kuhrennen durch. Die Männer wollten damals nicht mitziehen. Und so dürfen sie seither zwar mitlaufen – aber bloss als Treiber. Die Jockeys sind ausschliesslich weiblich. Das Gewicht spiele dabei keine Rolle, erklärt Co-Organisator und Pressesprecher Rolf Blumer. «Eine Kuh wiegt etwa das Doppelte eines Pferdes, also rund 800 Kilogramm. Das zusätzliche Gewicht des Jockeys stört dementsprechend kaum.»

 

Kuhkopf-an-Kuhkopf-Zieleinlauf: Kuh Opalma mit Brigitta Kurath (l.) unterliegt Tosca mit Jockey Alexa Eppinger nur knapp.

Der Alpchäsmarkt und Kuhrennen auf der Alp Tannenboden, Flumserberg am

Blumer erzählt, dass der Tierschutz den Anlass seit Anfang begleitet und auch im Vorfeld in die Trainings und Vorbereitungen einbezogen ist. Nie gab es Beanstandungen. «Die Bauern gehen sehr sorgsam mit ihren Rennkühen um.» Man müsse darauf achten, dass eine Kuh gutmütig sei. Zudem sollte sie eine gewisse Grundkondition haben. «Am besten nimmt man ein Tier, das über den Sommer auf der Alp war», sagt Blumer.

Und die Kuh sollte auch besser nicht trächtig sein, ergänzt Alexa Eppinger, die Siegerin aus Flums. Sie entschied sich für Tosca, eine Kuh von Reto Danners Marchhof, wo Eppinger ihr Reitpferd stehen hat. Zwar habe Tosca beim ersten Mal noch ziemlich gebockt und musste von Treiber Kevin Mullis festgehalten werden. «Aber das ist ja klar, eine Kuh ist es nicht gewohnt, dass jemand aufsitzt», sagt die erfahrene Pferdereiterin. Beim zweiten Mal ging es schon besser, und beim dritten Mal sei Tosca bereits sehr kooperativ gewesen – «eine ganz brave Kuh». Auf dem Flumser Marchhof haben sie eine Rundstrecke abgesteckt. Wichtig ist, dass im Uhrzeigersinn gelaufen wird, so wie am Wettkampf.

Prognosen kaum möglich

Auch wenn die Trainingseinheiten hilfreich für den Ernstkampf sind, so ist beim Kuhrennen vieles dem Zufall überlassen. «Wenn eine Kuh nicht will, dann will sie nicht», sagt Organisator Blumer. Wer gewinnt, sei reine Glückssache. Das hält aber die Besucherinnen und Besucher nicht vom Wetten ab – im Gegenteil. Das Wettbüro im Festzelt ist bis kurz vor Startbeginn gut besucht. Zwischen einem und maximal 20 Franken darf man auf seine persönliche Favoritin setzen. Mit Tosca konnte niemand rechnen, denn Kuh und Crew nahmen erstmals am Flumserberger Rennen teil. Nebst dem Sieg nimmt Alexa Eppinger eine weitere Erinnerung mit: «Mein Hintern tut schrecklich weh.»

Alpchäsmärt Flumserberg

Seit 19 Jahren wird jeweils am Ende der Sommersaison der Alpmärt durchgeführt. An den zahlreichen Ständen werden Trockenwürste, Alpkäse, Öpfelweggen, Mützen, selbst gebrannter Schnaps und vieles mehr angeboten. Nebst dem Kuhrennen sorgen Musikkapellen, ein Streichelzoo und eine Ketten-sägendemonstration für die Musik auf dem Tannenboden.

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