Trainingsideen für „Wasserratten“

Es ist Sommer, die Sonne brennt. Da gibt es nichts Besseres als einen Tag am See mit einem zufrieden ­planschenden Vierbeiner. Haben Sie eine wahre Wasserratte, die auch noch einiges an Temperament mitbringt, kann dieses ­Vorhaben schnell stressig werden. Hier ein paar Tipps, die Ihnen nicht nur zu einem entspannteren Badebesuch verhelfen, sondern auch für den Alltag nützlich sind und gleichzeitig die Nerven Ihrer Mitmenschen schonen.
Von Sandra Schoeneich

Hinterher wird alles gut?

Schon jetzt ist Bello völlig aus dem Häuschen, er hat wohl schon Witterung aufgenommen. „Wenn er erstmal drin war, wird es wieder besser“, denken Sie sich. Aber gleichzeitig haben Sie auch das Bild im Kopf, wie er Sie vermutlich wieder an der Leine ziehend als Boje zum Seeufer zu schleifen versucht. Alles, was für ihn dann noch zählt, ist der rettende Sprung ins Wasser! Sei es drum – Leinen los!?

Der erste Eindruck zählt

Sie können so gut mit Ihrem Hund mitfühlen, auch wenn das Gezerre echt nervt. Alle guten Manieren sind ver­gessen, bei Fuß laufen ist sowieso nicht mehr möglich. Also doch ableinen, das Tragen der Badetasche ist eh schon schwer genug. Vermutlich werden auf dem Weg 2-3 Decken von anderen ­Badegästen überrannt. Aber er will doch nur auf schnellstem Weg ins ­Wasser … Immer diese Hundehasser …

Halten Sie in diesem Moment kurz inne und machen Sie sich bewusst: Wenn Sie Ihren Hund jetzt ableinen, wird es ­Ihnen natürlich unmittelbar eine Erleichterung bringen, aber was lernt Ihr Hund dabei? Mit dem Kopf durch die Wand funktioniert! Sicherlich muss es nicht immer so dramatisch ausfallen. Das hat mit der Impulsivität des Hundes zu tun. In jedem Fall aber würden Sie sich – je nachdem, wie temperamentvoll Ihr Hund ist – den Start in den entspannten Badetag erstmal viel schwerer machen, als es eigentlich sein müsste.  Schaffen Sie sich stattdessen lieber günstige Trainingsvoraussetzungen:

1. Ruhe lässt sich nur durch Ruhe erzeugenRücksichtsvoll am Badesee

Planen Sie Ihre Trainingseinheit vorausschauend. Nehmen Sie Ihrem Hund im Auto Trinkwasser mit, damit er nicht durstig am See ankommt. Dadurch können Sie selbst weniger in Hektik sein. Wenn er es mag, können Sie auch schon beim Auto ein bisschen das Fell benetzen. Durch solche Maßnahmen sind Sie ruhiger und haben nicht so viel Druck, dass Ihr Hund nun unbedingt schnell ins Wasser kommen muss.

2. Umwelt als Belohnung

Machen Sie sich bewusst, dass der Sprung ins Wasser eine Belohnung für den Hund darstellt. Eine tolle Alter­native zum Leckerli! Ungewollt setzen wir solche Umweltreize oft als Belohnung ein: Wenn z.B. das Ziehen an der Leine zu lästig wird und wir unseren Hund in einer solchen Situation ableinen.

3. Impulskontrolle und das ­Aus­steigen aus dem Auto

Lassen Sie Ihren Hund nicht wie einen Berserker aus dem Auto stürmen! Das ist erstens gefährlich für ihn, zweitens würden Sie ihn auch hier ungewollt für sein impulsives Verhalten ­belohnen. Öffnen Sie stattdessen die Boxen-/ Kofferraum-/Autotür nur einen kleinen Spalt, und wenn Ihr Hund gleich hinaus­stürmen will, schließen Sie die Tür wieder ein Stück. Machen Sie das einige Male, bis Ihr Hund verstanden hat, dass er nicht aus dem Auto kommt, wenn er sich nicht zurücknimmt oder gar Blickkontakt zu Ihnen aufnimmt. Bestehen Sie auf gute Manieren – umso leichter wird der Rest des Tages
für Sie beide werden. Wenn Ihr Hund auch in anderen Situationen noch nicht abwarten
kann, können Sie diese Übung auch wunderbar an der Haustür üben.

4. Leinenführigkeit

Zerren an der Leine darf sich niemals lohnen, schon gar nicht mit einem tollen Badespaß für Wasserratten. Leinen Sie Ihren Hund deshalb niemals ab, wenn er gerade zieht, und versuchen Sie auch, seinem Ziehen nicht nachzugeben. Durch das Tragen von Geschirr und Halsband können Rückschritte verhindert werden, indem der Hund lernt:
– Wenn die Leine am Halsband ist, habe ich nie Erfolg durch mein Ziehen.
– Wenn die Leine am Geschirr ist, darf ich schnuppern und es ist Freizeit.

Je nachdem, wie kräftig Ihr Hund ist, macht es nur begrenzt Sinn, ihn an ein Geschirr zu schnallen, wenn Sie ihn dann gar nicht mehr festhalten können. In diesem Fall können Sie die Leine vorne am Geschirr festmachen, oder Sie greifen auf ein anderes Hilfsmittel, wie etwa einen Kopfhalfter zurück. Sie können dies auch vor dem Seebesuch mit kleinerer Ablenkung üben, zum Beispiel mit einer besonders begehrten Geruchsquelle. Wenn Sie hier bereits an Ihre Grenzen stoßen, üben Sie vorerst mit dieser verringerten Ablenkung, bis Ihr Hund verstanden hat, worum es geht. Meist werden zum Beispiel Häuserecken oder auch einzelne hervorstechende Objekte auf einer Wiese, wie etwa große Steine oder Bäume mit Vorliebe markiert. Das hat zur Folge, dass alle nachkommenden Hunde auch dorthin möchten.

Lernen Sie vorauszuschauen. Wenn Sie abschätzen können, dass Ihr Hund gleich ziehen wird, um zu dieser Geruchsquelle zu kommen, bleiben Sie prophylaktisch stehen. Geben Sie ihm nun die Möglichkeit, sich selbst zu korrigieren, also zu Ihnen zurück zu kommen. Würden Sie ihn einfach an der Leine zurückziehen, würde er nicht wissen, worum es eigentlich geht, und folglich nichts für die Zukunft lernen. Am Wasser verhalten Sie sich genauso: Lassen Sie Ihren Vierbeiner erst ins Wasser, wenn er es von sich aus schafft, die Leine wenigstens kurz locker zu lassen. Erst wenn es an der kürzeren Leine klappt, können Sie sich vorsichtig an längere Leinen herantasten. Passen Sie auf, dass gerade Ihr kräftiger Hund Sie nicht das Ufer hinabzieht und Sie früher baden gehen, als Sie es ­vorhatten! Manchen Hunden hilft es, wenn sie zwischendurch angesprochen werden. Probieren Sie aus, ob es bei Ihnen und Ihrem Hund besser funktioniert, ihn anzusprechen, oder stumm zu warten, bis er die Leine lockert.

Badesee5. „Anti-Decken-Training“

Nun haben Sie es also geschafft: Sie sind anständig aus dem Auto gekommen, konnten Ihren Hund zum Wasser führen und ihn ableinen. Doch wie verhindern Sie nun, dass der Hund ständig über Frauchens oder Herrchens oder – schlimmer noch – über fremde Handtücher und Decken läuft? Auf diese Situation können Sie sich gut zuhause vorbereiten. Das Problem ist häufig, dass wir mit unseren Hunden die Ablage auf einem Kissen oder einer Decke üben, aber nie das Nicht-Betreten. Eine solche Grenze können Sie zum Beispiel körpersprachlich aufbauen.

Stellen Sie sich dazu auf oder hinter die Decke, wenn Ihr Hund dann über die Decke zu Ihnen kommen will, gehen Sie einen Schritt auf ihn zu, sodass er zurückweichen muss. Sobald keine Pfote mehr auf der Decke ist, können Sie ihn loben. Sie können den Schwierigkeitsgrad allmählich steigern, z.B. durch Spielzeug oder Futter. So kann der Hund übrigens auch lernen, bestimmte Räume, wie Küche oder Bad nicht zu betreten, oder auch den Bordstein als Grenze zu erkennen.

6. Territorialverhalten

Ein weiteres Problem, das uns häufig im Freilauf begegnet, ist Territorial­verhalten: Kaum ist man für eine Weile an einem Ort, duldet der Hund keine fremden Hunde oder Menschen in der Nähe „seiner“ Badestelle mehr. Sie rufen ihm hinterher, aber er hört nicht, kommt erst wieder, nachdem er den Eindringling abgecheckt hat. Achtung: Wenn Sie Ihrem Hund immer hinterherrufen, wird er schließlich lernen, dass er nicht unbedingt auf Sie hören muss! Selbst wenn Ihr Hund „nur“ Scheinangriffe auf andere Hunde startet, hätten Sie auch hier, wie im ersten Punkt beschrieben, dem Hund ermöglicht, sich selbst für etwas zu belohnen, was von uns unerwünscht ist: Sie rufen, er macht es trotzdem und kommt danach erst zu ­Ihnen zurück. Keine Frage, es ist hilfreich, wenn in solchen Momenten der Rückruf sitzt. ­Allerdings stellen Sie ihn und Ihre Geduld auf eine harte Probe, wenn Sie Ihrem Hund bei jedem Passanten hinterher rufen müssen. Mit der Zeit werden Sie feststellen, dass Ihr Rückruf darunter leidet.

Aus diesem Grund sollte einem solchen Verhalten nicht durch Rückruf begegnet werden. Sinnvoller ist es, dass ein Hund, der zu territorialem Verhalten neigt, nicht unkontrolliert den ­ganzen Tag am Badestrand „patroulliert“. Manche Hunde fühlen sich dadurch sehr schnell zum Aufpassen beauftragt und gehen in einen „Arbeitsmodus“ über. Beachten Sie, dass diese Art der erhöhten Wachsamkeit für den Hund sehr stressig ist und Stress letztendlich auch krank machen kann. Wenn Ihr Hund zum Aufpassen neigt, gönnen Sie ihm zu Beginn den Freilauf nur, wenn auch Sie in Bewegung sind. Wenn Sie fertig sind, „parken“ Sie ihn bei Ihrer Decke. Suchen Sie sich einen Randplatz, etwas ab vom Trubel. Dann können Sie sich so positionieren, dass Sie zwischen Ihrem Hund und den anderen Badegästen sind. Sollte er nun doch einmal unvermittelt zu einem fremden Badegast oder einem anderen Hund hinstürmen wollen, können Sie ihn mit ihrem Körper blockieren und ihm damit verständlich machen, dass nicht er zuständig ist, die Situation zu lösen. Hat er zu diesem Zeitpunkt schon gelernt, nicht über Ihre Decke zu laufen, haben Sie gleich zusätzlich noch eine Grenze etabliert. Haben Sie dies einige Male durchgezogen, können Sie sich langsam an mehr Freiheiten für Ihren Hund herantasten.

Der letzte Eindruck bleibt

Je nach Temperament Ihres besten Freundes kann es einige Zeit dauern, bis Sie alle Punkte erfolgreich umsetzen können. Egal, wie klein Ihre Übungseinheiten am Anfang ausfallen, tasten Sie sich einfach etappenweise vor. Als Faustregel halten Sie fest, Ihren Ausflug strukturiert, besonnen und ruhig zu starten. Nehmen Sie sich genügend Zeit, um an den See zu kommen und auch, ihn wieder entspannt zu verlassen. Setzen Sie Ihre Trainingsziele nicht zu hoch, sodass Sie und Ihr Hund den Tag mit einem Erfolgserlebnis abschließen können. Getreu dem Motto „der letzte Eindruck bleibt“, beenden Sie Ihren Badetag zurückblickend mit einem Schulterklopfer: Dem verträumten Idyll vom entspannten Badetag kommen Sie nun mit jedem Besuch ein Stückchen näher!


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