Immer mehr herkömmliche Antibiotika werden von multiresistenten Keimen ausgetrickst – eine gefährliche, ja tödliche Entwicklung. Heilpflanzen könnten hier viel bewirken. So beseitigen sie nicht nur Krankheitserreger wirksam, sondern verhelfen vor allem zu nachhaltiger Gesundheit.

Text: EVA ROSENFELDER

Pflanzenkraft

Die Kälte kriecht in die Knochen, das Sonnenlicht ist spärlich, unser Immunsystem aufs Höchste gefordert. Kommt dazu noch Dauerstress, zu wenig Schlaf, schlechte Ernährung oder seelische Probleme, haben herumschwirrende Krankheitskeime leichtes Spiel. Sie dringen in den Organismus und treiben ihr Unwesen. Wenn es uns so richtig flach legt, fehlt oft die Zeit, der Genesung durch Fieber und Bettruhe Raum zu geben. Der moderne Mensch hat schnell wieder zu funktionieren. Die Folge: Antibiotika werden viel zu häufig und nicht wirklich zielgerichtet verordnet. Dies, obwohl längst bekannt ist, dass sie zwar akute Symptome in Kürze bequem beseitigen, gleichzeitig aber Darm- und Scheidenflora massiv stören, Hefepilzinfektionen und Allergien verursachen können und schlichtweg das biologische Gleichgewicht im ganzen Körper auf den Kopf stellen.Das seit der Entdeckung von Penicillin hochgefeierte «Zaubermittel» zerstört mit den «schlechten» leider auch viele nützlichen Bakterien. Häufiger Einsatz von Antibiotika begünstigt das Wiederaufflammen einer Krankheit, aus welcher der Körper jedes Mal geschwächter hervorgeht. Was für ein Käferfest für weitere Keime! Zudem verändern sich vor allem die in Krankenhäusern vorkommenden Erreger mit steigender Geschwindigkeit und entwickeln gefährliche Multiresistenzen

 

Keime auf dem Teller

Paradoxerweise vollbringt hier «Anti-biotika» (aus dem Griechischen=  anti: gegen; bios: Leben) genau das, was seine Benennung in ihrem Ursprung bedeutet: gegen das Leben. Antibiotika-

 

Resistenzen innerhalb und ausserhalb von Spitälern (MRSA etc.) sind heute eine riesige Herausforderung für die Medizin. Allein in der EU sterben jährlich schätzungsweise 25 000 Menschen an multiresistenten Keimen. Eine Zahl, die längst nicht mehr unter den Teppich gewischt werden kann.
Mitverantwortlich für die Ausbreitung multiresistenter Keime ist auch die Landwirtschaft. In der Massentierhaltung werden viel zu oft und oft sogar prophylaktisch Antibiotika verabreicht. In der Folge tummeln sich immer mehr resistente Keime in den Böden, im Wasserkreislauf – und schliesslich über die Nahrung auf unserem Teller. Vor zwei Jahren hat der Bundesrat deshalb die Strategie Antibiotikaresistenzen Schweiz (StAR) lanciert. Schon jetzt ist klar, dass sich die Entwicklung nicht stoppen, sondern im besten Fall verlangsamen lässt.

 

Sich Zeit nehmen

Bis zum 20. Jahrhundert beruhte die Behandlung von Infektionen vor allem auf traditionellen Heilmitteln und man wusste um die Heilkraft der Pflanzen. Beispiele von natürlich antibakteriell wirksamen Mitteln finden sich seit mehr als 4000 Jahren in allen Weltkulturen: im Ayurveda, in der chinesischen Medizin, in der antiken westlichen Medizin und bei zahllosen indigenen Völkern. Bis heute verwendet die Naturheilkunde pflanzliche Mittel sehr erfolgreich: etwa bei Atem- und Harnwegsinfekten, bei Magen-Darm-Beschwerden oder Haut- und Pilz-Erkrankungen, sowie zur Steigerung der Immunabwehr. WinterrezepteManche Pflanzen vermindern die Bakterienzahl im Körper sehr effektiv. Gleichzeitig helfen sie, das Abwehrsystem im Körper wieder aufzubauen, damit es bei der nächsten Attacke ausgerüstet ist. Der Reichtum an Heilpflanzen ist schier unglaublich. Für nahezu jede Krankheit ist ein spezifisches Kraut gewachsen. So sind manche Grünlinge besonders effektiv, um die Leber zu entgiften, andere versorgen den Organismus mit frischen Vitaminen und Mineralstoffen oder stärken die Darmschleimhaut, damit «gute» Bakterien aufgebaut und «schlechte» eleminiert werden können. Nierenwirksame Pflanzen sorgen für eine gute Entwässerung des Körpers, so dass Abfallstoffe wie etwa abgestorbene Krankheitserreger ausgespült werden können. Auch für die Wundheilung gibt es Spezialisten aus dem Pflanzenreich: Sie desinfizieren und regen gleichzeitig die Hautneubildung an.
Anders als chemische Antibiotika stärken die grünen Helfer den Körper und seine natürliche Abwehrkraft nachhaltig; sie heilen im wahrsten Sinne des Wortes: Indem sie nicht nur die Symptome, sondern auch die Ursachen bereinigen. Alles, was es dafür braucht ist etwas Zeit. Zeit für ein Fussbad zum Beispiel, zum Gurgeln, zur Teezubereitungen oder für einen Wickel. Die Zeit, die wir uns dafür nehmen ist ein Geschenk für uns selbst und die Bedürfnisse des eigenen Körpers. Sind wir uns das wert?

 

Erstaunliche Pflanzenwesen

Pflanzen sind mit einer Vielzahl an Stoffen ausgestattet, die es ihnen ermöglich auf widrige Umwelteinflüsse und Attacken von Schädlingen zu reagieren: Pilze und Bakterien halten sie mit ätherischen Ölen in Schach; werden sie von Raupen, Käfern und anderen Schmarotzern angeknabbert, so können sie blitzschnell bittere Substanzen absondern, die den Angreifern gehörig den vermeintlichen Festschmaus vermiesen. Gleichzeitig können Pflanzen ihre Nachbarn alarmieren, indem sie in Form von flüchtigen Molekülen Botschaften aussenden, die es sämtlichen in der Nähe wachsenden Pflanzen ermöglichen, im voraus schon den Geschmack ihrer Blätter mit «Ekel-Würze» zu versehen, und sich so vor Frassfeinden zu schützen.

Manche Pflanzen können über den Speichel ihre Angreifer identifizieren und mittels flüchtiger SOS-Moleküle postwendend eine Nachricht an «Verbündete» aus der Welt der Insekten schicken, die alsbald zur Stelle sind und den Schadinsekten den Garaus machen. Dieses faszinierende Zusammenspiel funktioniert aber nur in einem natürlichen Habitat. In Monokulturen oder pestizidbehandelter Umgebung ist diese Balance gestört. So muss wiederum mit der Chemie-Keule eingegriffen werden, um das zu bewirken, was die Natur Jahrmillionen selbst und absolut zuverlässig bewältigen konnte.

 

Kleine Pflanzenapotheke

Seit vielen Jahrtausenden wissen Menschen um die Heilwirkungen, welche die Natur den Pflanzen mitgegeben hat. Das Geheimnis dieser Heilwirkung ist immer Ergebnis eines feinen Zusammenspiels vieler, teils noch unerforschter Stoffe und Faktoren. Wird ein vermeintlicher Wirkstoff isoliert und aus der Pflanze extrahiert, sind die Ergebnisse oft unbefriedigend. Die heilende Wirkung, die eine Pflanze als Ganzes hat, kann auf diese Art nicht nachgewiesen werden. Heilpflanzen enthalten Hunderte, ja mitunter Tausende verschiedene Stoffe, die im wohldosierten Zusammenspiel wirken. Jede Pflanze hat ihre ganz eigene Kombination und bietet sich damit an für die Anwendung bei bestimmten Beschwerden.
Doch längst nicht jede Pflanze ist für jeden Menschen gleichermassen geeignet. Nebenstehend finden Sie für ausgewählte Beschwerden eine Vielzahl an Heilpflanzen – erkunden Sie, welche Ihnen gut tut. Die Wirksamkeit pflanzlicher Heilkräfte lässt sich erfahren, indem man «seine» persönlichen und bevorzugten Heilpflanzen findet und sich immer tiefer mit ihnen befasst. Wer sich auf diese Weise seine kleine Pflanzenapotheke anlegt, wird nicht nur heilkundig, sondern im besten Sinne heil.

 

 

 

 

 

Wann zum Arzt

 

 

Bei leichten bis mittelschweren Krankheiten lohnt es sich, zuerst auf pflanzliche Mittel zurückzugreifen, die sowohl antibiotisch als auch antiviral wirken ( herkömmliche Antibiotika sind wirkungslos bei viralen Erkrankungen ). Aber bei massiven Beschwerden wie
Nieren-, Lungen- oder Herzinnenhaut-Entzündungen, Hepatitis, rheumatischem Fieber und vielen weiteren schweren Erkrankungen sowie wenn keine Besserung nach 3–4 Tagen eintritt, ist ein Arztbesuch nötig. Bei schweren Erkrankungen sollten Sie nicht ausschliesslich auf Selbstmedizin setzen. Wenn sich eine Therapie mit pharmazeutischen Antibiotika nicht verhindern lässt, sind Pflanzen als begleitende Therapie eine wunderbare Unterstützung. Allerdings unbedingt erst nach Absprache mit dem Arzt verwenden   ( Kontraindikationen und Wechselwirkungen ). Im Übrigen sind auch pflanzliche Mittel achtsam einzusetzen, denn auch bei Pflanzen gilt: Zu hoch dosierte Wirkstoffe oder zu lange Einnahme können schaden.

Peperochini

 

 

 

 

Pflanzenkraft

 

 

Bronchitis: Anis, Bohnenkraut, Fenchel, Ingwer, Knoblauch, Meerrettich, Senf, Thymian, Wasabi, Zwiebel

Durchfall: Chili, Gewürznelke, Koriander, Kümmel, Kreuzkümmel, Langer Pfeffer, Kurkuma, Muskat, Pfeffer, Pfefferminze, Rosa Pfeffer, Zimt

Grippale Infekte: Anis, Bärlauch, Ingwer, Pfeffer, Rosmarin, Senf, Thymian, Wacholder, Wasabi, Zimt, Zwiebel.

Grippe: Ingwer, Süssholz, Zimt

Harnwegsinfekte: Kapuzinerkresse, Knoblauch, Liebstöckel, Meerrettich, Petersilie, Wacholder

Husten: Anis, Bohnenkraut, Fenchel, Kardamom, Thymian, Zwiebel

Mandelentzündung: Salbei, Senf

Mittelohrentzündung: Knoblauch, Thmyian, Zwiebel

Schnupfen: Ingwer, Majoran, Rosmarin, Thymian

Aus „Pflanzliche Antibiotika selbst gemacht“ von Claudia Ritter

Buchtipp

 

 

Claudia Ritter «Pflanzliche Antibiotika
selbst gemacht», Ulmer Eugen Verlag,
2017, Fr. 27.90

Felicia Molenkamp «Kräuter-Biotika.
Antibiotisch wirkende Inhaltsstoffe
essbarer Wildpfl anzen», AT Verlag, 2015,
Fr. 31.90

 

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