Auch wir Deutschschweizer gehen gerne auf Entdeckungstour in den französischen Teil unseres Landes. Zu entdecken gibt es neben schönen Wanderungen mittelalterliche Städte wie Romont, Fribourg und Gruyères, den landschaftlich schönsten Stausee der Schweiz und natürlich Kulinarisches: vom Alpkäse L’Etivaz bis zur Cailler-Schokolade.

Alors, on y va!

Jochen Ihle Text und Bilder

Kathedrale von Fribourg
Fribourg Kathedrale

365: So viele Tage wie das Jahr, so viele Stufen sind es auf den Turm der Kathedrale von Freiburg. Wer die Mühen des Aufstiegs über die im Turminnern verlaufende Wendeltreppe auf sich nimmt, dem liegt nicht nur die Stadt, sondern das ganze Welschland zu Füssen. Die zwischen 1283 und 1490 in mehreren Etappen erbaute Kathedrale ist das Wahrzeichen der Stadt und ein Schmuckstück der Gotik. Der Legende nach ist ihr Glockenturm unvollendet, weil es den Bauherren an Geld mangelte. Hätte der Turm also ursprünglich viel höher werden sollen? Wie dem auch sei: Der Tiefblick ist auch aus 74 Meter Höhe schwindelerregend genug, und die Aussichtsterrasse macht ihrem Namen alle Ehre.

Wer nicht so hoch hinaus, aber trotzdem überraschende Stadtansichten erhaschen möchte, dem sei ein Gang entlang der Freiburger Befestigungsanlagen empfohlen. Diese sind seit April dieses Jahres wieder öffentlich zugänglich – unter anderem wurden neue Treppen installiert – und können nun auf einem Rundgang, individuell oder mit Stadtführer, erwandert werden. Auch für Kinder ist der mittelalterliche Spaziergang ein Erlebnis. Wie im Ritterfilm wandelt man über Ringmauern und Wehrgänge, blickt durch enge Schiessscharten, schreitet auf Türme und durch Tore. Und dann diese Brücken! Die Lage der Stadt, auf einem Hochplateau beidseits der Saane, liess im Laufe der Jahrhunderte unterschiedliche Brückentypen entstehen: Die 2014 eröffnete Poyabrücke wirkt futuristisch, die alte Bernbrücke ist holzgedeckt, über den Grandfey-Viadukt rollt die Eisenbahn, die Zähringerbrücke lädt mit Panoramatafeln zum thematischen Brückenspaziergang ein, historische Sainte-Apolline-Brücke im Vorort Villars-sur-Glâne wird noch heute von Pilgern auf der Via Jacobi überquert.

 

Fribourg Ste. Apolline Brücke
Ste. Apolline Brücke

An der Sprachgrenze entlang

Von Freiburg nach Romont führt eine der Etappen auf eben jenem Schweizer Jakobsweg. Und die hat es bezüglich Weglänge ganz schön  in sich, wie ich feststellen durfte: «Romont 7 heures» droht der Wegweiser am Bahnhof von Freiburg. Doch was es da alles zu sehen gibt, macht auch so eine lange Strecke noch kurzweilig: Nach der Ste-Apolline-Brücke über die Glâne, mit Kapelle von 1566, lockt bei Grangeneuve ein Abstecher zur Abbaye d’Hauterive. «Seine typisch zisterziensische Lage zeichnet sich dadurch aus, dass Gewässer, Vegetation und Gesteinsformationen sich zu einem harmonischen Gesamtbild vereinen», lesen wir dort. So hat das Kloster denn auch seinen Namen der Lage in einer Biegung der Saane, beim «hohen Ufer», zu verdanken. Der Fluss hat sich hier im Laufe der Jahrhunderte einen Weg durch die Felsen gebahnt und fliesst in einem Bogen ruhig um die Klosteranlage herum – ein fast schon meditatives Bild.

Hauterive_Via Jacobi

Abbay d’Hauerive

Gruyèere
Gruyèere
Lac de Gruyère
Lac de Gruyère

Die Saane ist ja mehr als ein Fluss, eine Grenze schon. Wird sie doch auch gerne mit dem sogenannten Röstigraben, der Sprachgrenze zwischen deutsch- und französischsprachiger Schweiz, gleichgesetzt. Man könnte ihr ein Stück weit flussaufwärts folgen bis zum Lac de la Gruyère, auf Deutsch: Greyerzersee. Der längste Stausee der Schweiz, wunderbar in die grüne Voralpenlandschaft eingebettet, ist im Sommer ein beliebtes Freizeitparadies. Im Frühjahr wartet er mit einer besonderen Attraktion auf, nämlich dann, wenn das Energieunternehmen Groupe E die Wasserstände ihrer Stauseen absenkt. Dann wird die im See liegende Ile d’Ogoz zur Halbinsel, und Spaziergänger können hinüber zu den Burgruinen auf der Insel spazieren.

 

Im Land der schönen Kirchenfenster

Romont
Romont

Überhaupt ist das Welschland reich an Burgen und Schlössern, an Klöstern, Kirchen und Kapellen. 2018 ernannte die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz die Sakrallandschaft der Abteien und Klöster des Saane-Beckens gar zur «Landschaft des Jahres». Auch mein langer Wandertag auf der Via Jacobi führt mich an Kapellen (z. B. in Posieux, Posat und Chavannes-sous-Orsonnes) und Kirchen (Abbey de la Fille Dieu) vorbei, ehe endlich der Rundhügel mit der eindrucksvollen Stadtkulisse von Romont in Sicht gerät. Hat man das Städtchen dann mal erreicht, scheint man im Mittelalter gelandet zu sein: Begehbare Befestigungsmauer, markante Türme wie der Tour de Billens oder der Rundturm Tour à Boyer, die Stiftskirche Notre Dame de l’Assomption und das Schloss unterstreichen das. Letzteres steht auf dem höchsten Punkt des Stadthügels und beherbergt heute das Vitromusée, das Schweizerische Museum für Glasmalerei und Glaskunst. Die Sammlung illustriert den künstlerischen Weg des Glases mit Schmuckstücken aus dem Mittelalter, der Renaissance und des Jugendstils bis hin zu zeitgenössischen Kunstwerken.

Und auch in den Dörfern um Romont ist viel Glasmalereikunst zu bestaunen, wird die Region doch das «Land der schönen Kirchenfenster» genannt. Auf dem «Circuit du vitrail», dem Glasmalereipfad, kann man auf einer Rundwanderung viele Kirchen mit prächtig farbigen Glasfenstern entdecken.

 

Städtchen auf Hügeln

Moleson Vorgebirge
Moleson Vorgebirge

«In meinem Leben hab ich noch kein so hübsches Vorgebirge gesehen», soll der Maler Gustave Courbet über Romont gesagt haben. Die Aussicht vom Stadthügel über die Voralpenlandschaft ist ja auch zu schön. Gleiches gilt für das Städtchen Rue, das ebenfalls auf einem Hügel thront. Wie oft bin ich schon mit dem Zug von Bern an den Genfersee gefahren und habe mir, wenn auf Höhe von Vauderens die Silhouette von Rue auftauchte, gedacht: «Da solltest du mal hin!» Jetzt war ich endlich dort und kann sagen: Was für ein hübsches Mittelalterstädtchen! Von der Hauptstrasse steigt man über Steintreppen hinauf zur Kirche Saint Nicolas, zum Schloss und zum viereckigen Bergfried. Das Schloss befindet sich zwar in Privatbesitz und ist nicht öffentlich zugänglich, dafür erfreut man sich am Ausblick von der Stadtmauer über die Dächer, Wiesen und Felder bis zu den schneebedeckten Bergen Savoyens.

Auch ein Hügelstädtchen ist Gruyères. Dort geht es allerdings um einiges lebhafter zu als in Romont oder Rue: An Schönwettertagen ist man in den verkehrsfreien, pittoresken Gassen nie alleine unterwegs. Das öffentlich zugängliche, über 800 Jahre alte Schloss, das Museum H. R. Giger und nicht zuletzt seine spektakuläre Lage machen Gruyères zu einem der beliebtesten Ausflugsziele in der Westschweiz. Und hungrig bleibt hier auch niemand: Die Restaurants servieren Freiburger Vacherin-Fondue und andere regionale Spezialitäten, im nahen Broc lässt die Schokoladefabrik Maison Cailler die Herzen aller Naschkatzen höherschlagen, und in Pringy findet sich die Schaukäserei «La Maison du Gruyère». Deren Ausstellung weiht die Besucher mit spielerischen Elementen in die Geheimnisse der Käseproduktion ein. Durch riesige Glasscheiben kann man die Käser bei der Arbeit Molesonbeobachten und sich im Verkaufsladen mit köstlichem Gruyère AOP eindecken.

Bei soviel Genuss darf es dann mal wieder eine Wanderung sein. Direkt bei der Schaukäserei beginnt der «Sentier des fromageries» – ein Themenweg, der über die Käseherstellung im Greyerzerland informiert. Ein schöner Platz zum Einkehren ist unterwegs die Buvette Les Mongerons. Verwöhnt wird man mit Macaronis de Chalet oder einem Fondue moitié-moitié. Halbzeit auf dieser Rundwanderung ist in Moléson-sur-Gruyères. Hier könnte man schon wieder einem Käser über die Schulter schauen, in der dortigen Alpschaukäserei. Wir lassen uns aber die Gelegenheit nicht entgehen und fahren auf den Moléson, dem wohl beliebtesten Aussichtsberg im Greyerzerland. Hinauf geht es bequem mit zwei Bergbahnen: Die Standseilbahn fährt von Moléson-sur-Gruyères bis zur Mittelstation Plan-Francey, die Luftseilbahn schwebt dann vollends auf den Gipfel mit seiner Aussichtsplattform. Hier, von wo wir den Genfersee und die Alpen, das Greyerzer Schloss, den Lac de la Gruyère und das Mittelland bis nach Fribourg überblicken, endet unsere Welschlandreise.

 

 

 

TIPP: DURCH DIE GRÜNEN VORALPEN

Die Freiburger Voralpen, französisch Préalpes Fribourgeoises, erstrecken sich in der Westschweiz über die Kantone Freiburg, Bern und Waadt. So ist der Freiburger Voralpenweg auch eine Tour entlang der Sprachgrenze zwischen Welsch und Deutsch. Er führt in fünf Tagen von Freiburg vorbei am idyllischen Schwarzsee und über den Euschelspass nach Jaun im Greyerzerland, dann, im Angesicht der Gastlosen-Kette, zum Châlet du Soldat und schliesslich durchs Pays-d’Enhaut hinab ins Ballonfahrer-Mekka Château-d’Œx. Markierung: grünes Quadrat mit Routen-Nr. 78, Schwierigkeit T2. schweizmobil.ch

 

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